Krieg?

Immer öfter meinen manche Leute in der Diskussion über die aktuelle Pandemie und ihre Folgen von „Krieg“ sprechen und schreiben zu müssen. Gerade in den Tagen der Erinnerung an das Ende des 2. Weltkrieges vor 75 Jahren erschreckt mich so eine Wortwahl. Krieg hat immer mit der gezielten Entfesselung des Bösen im Menschen zu tun. Angriffs- und Vernichtungskriege – der von Nazi-Deutschland geplante und durchgeführte 2. Weltkrieg war genau dies – sind Manifestationen des Bösen schlechthin: Der Angreifer zerstört, entwürdigt und entrechtet. Er zwingt in der Folge auch den Verteidiger zur Aktivierung der Gewalt in allen ihren Möglichkeiten oder aber zur Akzeptanz von Unrecht und Entwürdigung.

Bei den Versuchen, die Folgen einer lebensgefährlichen Pandemie einzudämmen, kann ich nichts Böses entdecken. Ja, die Maßnahmen sind für viele schmerzlich, sie schränken Freiheiten ein, sie bedrohen ökonomische Existenzen, sie hemmen Entwicklungschancen gerade von Kindern (hoffentlich nur auf Zeit). Manches mag sich später auch als defizitär oder gar als falsch erweisen. Aber alle diese Maßnahmen haben nichts mit der Entfesselung des Bösen zu tun. Deshalb ist das nicht vergleichbar mit Krieg. Sprache prägt das Bewusstsein, deshalb sollten wir alle vorsichtig sein, bei der Wortwahl unserer Diskussionsbeiträge.

Bernhard Suttner


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